WINEDINE

Christian Wenger über Weine, Weinproduzenten, Restaurants & Hotels und Kulinarisches

Krise des Weinjournalismus

Irgendwie ist es paradox: Die Pubikumszeitschriften, die sich ausschliesslich oder mehrheitlich mit Wein beschäftigen, sind im Sink- oder Sturzflug: „Alles über Wein” ist vom Markt verschwunden, der „Wein-Gourmet” existiert nur noch als Untertitel im „Feinschmecker”, der auch schon mehr Hefte pro Ausgabe verkauft hat als heute. Der Ableger der finnischen „Fine Wine” ist eine sehr edle Weinzeitschrift – die Weine mit denen sie sich beschäftigt kosten denn auch meist über hundert Euro pro Flasche; also keine Zeitschrift für ein grösseres Publikum. Genausowenig wie die Deutschland-Ausgabe des österreichischen „Falstaff”, die in feinstem Hochglanz daherkommt und grösstenteils Artikel der Originausgabe enthält, mit deren Themen und vor allem Sprache sich die Leser in Deutschland schwertun. „Vinum” schliesslich wurde nach einem Gastspiel beim Landwirtschaftsverlag in Münster (das leider nicht so erfolgreich endete wie das Auflagen-Phänomen „Landlust”) in die Schweiz verkauft und sp ielt in Deutschland mittlerweile weder als Markt- noch als Meinungsführer eine Rolle. Bei den Tages- und Wochenzeitungen enthalten wenigstens die „Frankfurter Allgemeine am Sonntag” und die „Welt am Sonntag” einmal in der Woche einen Beitrag über Wein. Der Weinjournalismus hat schon bessere Zeiten gesehen. Vier mögliche Ursachen, die einzeln oder in Verbindung dafür verantwortlich sein könnten: 1. Weinfreunde wollen Geschichten in der „klassischen” Art und Aufbereitung nicht mehr lesen. 2. Wer pro Flasche unter 5 Euro ausgibt, interessiert sich kaum für den Wein. 3. Das wenige, was viele Weintrinker wissen wollen (z.B. Parker-Punkte) finden sie im übersichtlich Internet. 4. Die Weinwelt ist so rasant in die Breite gewachsen, dass es im unteren Preis-Segment nicht mehr möglich ist, den Überblick zu behalten und sich auszukennen. Was meinen Sie?

Ausgekorkt! Erschienen im Stern 13/2010 Großer Weingläser-Test im STERN 51/2009 Frühere Editorials Trends