Vita

Christian Wenger (Jahrgang 47) lebt in der Alta Langa im Piemont, wo er eigenen Wein anbaut und in Hamburg. Er schrieb viele Jahre über Wein für die Financial Times, Stern, Feinschmecker, Alles über Wein u.a. Parallel betrieb er das W+P Büro für Kommunikation, Hamburg, spezialisiert auf ganzheitliche Corporate Identity, Strategien, Konzepte, Projekte für Unternehmen, Medien und Märkte. U. a. für Schweizer Rück, Deutsche Börse, Fraunhofer Gesellschaft. Davor Studium der Germanistik und Soziologie, Redakteur bei DIE ZEIT und ZEITMagazin, Vorstandsassistent und Objektmanager bei Gruner+Jahr, Verlagsleiter und Geschäftsführer bei WIRTSCHAFTSWOCHE, Düssseldorf, MANAGER MAGAZIN und DER SPIEGEL, Hamburg.

Christian Wenger, Studies of Literature and Sociology, is Wine Writer for „Stern”, „Financial Times”, „Süddeutsche Zeitung”,”Der Feinschmecker” and „winedine.de” Member of FIJEV International Federation of Wine and Spirits Writers, Slow Food. Christian lives in Piemonte and Hamburg and loves Nebbiolo and all good sparklings.

WINEDINE

Christian Wenger über Weine, Weinproduzenten, Restaurants & Hotels und Kulinarisches

Präzise Expansion

Auch wenn die Poderi Luigi Einaudi der grösste Produzent in Privatbesitz sind, die „Dogliani”, den Dolcetto aus Dogliani herstellen, würde man ihnen Unrecht tun, wenn man sie auf auf diesen, vor allem von den Einheimischen geschätzten Alltagswein reduzierte. Das Weingut war vor zwei Jahren in den Schlagzeilen, als es 1.5 Hektar Monvigliero kaufte, einer der besten Weinberge der Barolo-Zone. Man sprach von einem Kaufpreis von 3 Millionen Euro. Damit gehören den Poderi Luigi Einaudi zurzeit über 13 Hektaren feinster Barolo-Lagen, neben 150 Hektaren Land, davon 54 unter Dolcetto-Reben. 

Luigi Einaudi*, geboren 1874, gründete das Weingut kurz nach seinem Studium, 23-jährig, allerdings nicht auf dem Hügel südlich über Dogliani, wo es sich heute befindet, sondern in San Giacomo, nördlich von Dogliani. Ihm folgte sein Sohn Roberto, der zugleich in den USA im Edelstahlgeschäft Karriere und Furore machte. In den 1980er Jahren übernahm seine Tochter Paola das Weingut und brachte es mit gezielten Investitionen in Reben und Keller auf ein höheres Qualitätsniveau. Seit ihrem Tod 2010 werden die Poderi Einaudi von Paolas Sohn, Matteo Sardagna Einaudi, in der vierten Generation geleitet. Er hat eine Steiner-Schule besucht und Architektur studiert bevor er sich ab 1998 in das Weingut einarbeitete. Das Angebot umfasst 4 Barolos, Langhe Nebbiolo, Langhe Barbera, Moscato, Tocai Pinot Gris, zwei Mischsätze, zwei Dolcetto sowie einen Barolo Chinato und zwei Grappe. Insgesamt 350.000 Flaschen. Im eben fertiggestellten neuen Keller fallen 40 Betoneier mit imposanten Dimensionen ins Auge, deren Eigenschaften und Vorteile bei der Gärung und Lagerung genutzt werden. Unverändert werden auch Edelstahltanks, grosse Fuder und Barriques für den Ausbau der Weine eingesetzt.

*Luigi Einaudi war er Professor für Finanzwissenschaften in Turin, Lehrbeauftragter am Polytechnikum in Turin sowie der Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand. Bis 1926 war er Redakteur bei La Stampa und dem Corriere della Sera sowie Korrespondent der britischen Wochenzeitschrift The Economist. 1935 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. Seit 1947 war er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society. Bereits 1918 hatte Einaudi unter dem Pseudonym Junius für ein föderales Europa plädiert. Als Gegner des Faschismus floh er im September 1943 über das Aostatal ins Wallis in die Schweiz. Er kehrte 1945 nach Italien zurück. Von 1946 bis 1948 war er Abgeordneter der verfassunggebenden Versammlung. Er war stellvertretender Ministerpräsident und Haushaltsminister im Kabinett De Gasperi IV. Am 11. Mai 1948 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit endete am 11. Mai 1955; von diesem Tag bis zu seinem Tod war er Senator auf Lebenszeit. Der Verleger Giulio Einaudi ist ein Sohn, der Komponist und Pianist Ludovico Einaudi ist ein Enkel wie Matteo Sardagna.

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Konsequent, zäh, innovativ

Kalabrien, das Land an Italiens Stiefelspitze, zwischen Ionischem und Tyrrhenischen Meer, hiess bei den benachbarten Griechen „Enotria”, Land des Weines. Zwischen 250 und 300 eigenständige Traubensorten wuchsen dort. In der Folge liessen die Weine Kalabriens die Herzen der Weinfreunde nicht unbedingt höher schlagen: Alkoholreich, häufig brandig und oxidativ.
Das änderte sich, als die beiden Brüder Antonio und Nicodemo Librandi in Cirò Marina in den fünfziger Jahren den Weinbau des Familienweingutes in die Hand nahmen. Sie selektierten die besten Klone der autochthonen Sorten Gaglioppo und Greco Bianco und reduzierten in den siebziger Jahren drastisch den Hektarertrag der im Albarello-Verfahren gepflegten Reben. Das führte zu höherer Qualität, mehr Ausdruck und Charakter. In den achtziger Jahren erweiterten sie zwar unter dem Druck der Märkte die angebauten einheimischen Sorten auch um internationale Gewächse wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Chardonnay und Sauvignon blanc, haben aber gleichzeitig ein Faible für die alten und uralten einheimischen Sorten wie zum Beispiel Mantonico oder Magliocco, die neben 180 einheimischen Sorten in einem grossen Versuchsweingarten gepflegt werden.
Heute produziert Librandi in der vierten Generation auf 232 Hektaren jährlich über 2,5 Mio Flaschen Wein und 25.000 Flaschen Olivenöl. Diese werden in sechs unterschiedlich grossen Betrieben erzeugt und zu 55% im Inland abgesetzt. Bei den ausländischen Märkten domieren Deutschland, die Schweiz, Österreich, Frankreich, Luxemburg und Holland, gefolgt von weiteren 30 Märkten in der ganzen Welt.
Trotz dieser Menge ist Librandis Qualitätsanspruchi sehr hoch und wird auch von der Tochter und den drei Söhnen konsequent und zäh umgesetzt: Zahlreiche Höchstnoten, mehrfache 3 Gläser beim Gambero Rosso und Topnoten bei Galloni und Parker belegen, dass auch in Kalabrien Weine höchster Qualität entstehen können. Der Paradewein des Hauses, „Gravello” eine Cuvée aus dem autochthonen Gaglioppo (60%) und Cabernet Sauvignon feierte kürzlich seinen dreissigsten Geburtstag und unterstrich diesen hohen Anspruch in einer eindrucksvollen Vertikaldegustation.

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Die besten Schweizer Weine

degustieren, mit den Winzern persönlich diskutieren und mit anderen Weinfreunden fachsimpeln. Die Präsentationen der Vereinigung Mémoire des Vins Suisses (MDVS) bieten diese einzigartige Möglichkeit exklusiv zweimal im Jahr in abwechselnd in unterschiedlichen Städten der Schweiz. Im März 2018 war es wieder soweit: 56 Produzenten aus der gesamten Schweiz zeigten im Hôtel de Ville in Sierre, was sie können anhand von drei Jahrgängen ihres Mémoire-Weines. Von diesem Paradewein jedes MDVS-Mitglieds werden jährlich 60 Flaschen eingelagert und bei den regelmässig stattfindenden Schatzkammerpräsentationen ausgeschenkt. Der ursprüngliche Ansatz der vor 14 Jahren gegründeten Vereinigung, anhand von gereiften Weinen aufzuzeigen, welches Potential und was für eine Altersfähigkeit die Schweizer Spitzenweine haben, wurde in Sierre erneut vollauf bestätigt. Der Weg von dieser Erkenntnis auf die Weinkarten der Restaurants allerdings ist (noch) weit. Meistens findet sich nur ein Jahrgang, und wenn es zwei oder drei sind, werden sie ohne einen Preisunterschied angeboten. Ausnahmen von der Regel gibt es, zum Beispiel auf der Weinkarte im Restaurant Georges Wenger in Le Noirmont. Das Problem bei den Schweizer Weinen scheint mir zu sein, dass einige sehr gut reifen können – aber nicht zwingend müssen. Ein Qualitätsgewinn, wie bei einem anfänglich untrinkbar kantigen Barolo oder einem tanninmächtigen Bordeaux, ist mit einer längeren Lagerung nicht verbunden. Sonst würden diese Weine in einer Holzkiste und nicht in einem Karton ausgeliefert, der einem feuchten Keller nur wenige Monate gewachsen ist. Auch ist das Konzept des eingelagerten damaligen Paradeweins mittlerweile 14 Jahre alt. Rebberge und Sortimente der meisten Produzenten haben sich verändert. Neues, Interessantes ist dazugekommen. Die Frage ist auch, ob der eher rückwärtsgewandte Name „Mémoire” nicht in Richtung „Heute und Zukunft” erweitert werden könnte oder sollte: Als Synonym für die derzeit besten und interessantesten Schweizer Weinproduzenten aus allen Schweizer Weingegenden. Hier hat sich das MDVS eine einzigartige und äusserst verdienstvolle Plattform geschaffen. In der Begegnung untereinander, im offenen Austausch in drei Landessprachen liegt der besondere Reiz des MDVS und den Veranstaltungen. Das ist, bei der sonst sprichwörtlichen Schollenverwurzelung der Schweizer (Wein-)Bauern, grossartig und alles andere als selbstverständlich. Dass einige bekannte Namen*** noch fehlen, mag seinen Grund auch darin haben, dass es überall Verweigerer gibt, die es mit der Begründung von Groucho von den Marx-Brothers halten, der einst erklärte: „Ich will keinem Verein angehören, der mich als Mitglied aufnehmen würde”. Muss man akzeptieren, aber spätestens überprüfen, wenn das MDVS jedes Jahr Synonym, Siegel und Garant für die besten 50 oder 60 Schweizer Weinproduzenten wäre. Jedes Jahr die vollständige Spitze der Pyramide an der sich Weinfreunde, Händler, Importeure, Gastronomen und Weintrinker orientieren können. Einen noch nicht vollständigen Vorgeschmack gibt es auf der nächsten Veranstaltung des MDVS am Montag, 27. August 2018 im Schiffbau Zürich: https://www.swiss-wine-tasting.ch

*** zum Beispiel Gantenbein, Grünenberger, Sprecher von Berneck, Broger, Zanini, Monti, Histoire d’Enfer, Zuffrey (Nicolas), Novelle, Neyroud-Fonjallaz, Leyvraz, Massy.

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Wie wie entsteht ein Kultwein?

nur wenige italienische Weine aus der südlichen Toskana erscheinen regelmässig in den Katalogen der internationalen Weinauktionshäuser und in den Listen der meistgefragten auf Auktionen gehandelten Weine. Meistens liegen schon die geforderten Mindestgebote in Preisbereichen, die den Rahmen eines Tischweins für ein schlichtes Essen deutlich sprengen. Die Erfolgsgeschichten von Ornellaia, Sassicaia, Tignanello, Solaia und vor allem Masseto sind Legende und haben weinbegeisterte Investoren auf den Plan gerufen, die das Kapitel der sogenannten Supertuscans gerne weiterschreiben würden.
Einer von ihnen ist Georg Weber, Betriebswirt, knappe 40 Jahre alt, Inhaber der vor allem im süddeutschen Raum bekannten, erfolgreichen Dehner-Gartencenter. Er ist seit Gründer und Besitzer von Monteverro in Capalbio in der südlichsten Maremma, näher bei Rom als bei Florenz. Er hatte präzise Vorstellungen von seinem Wein-Ziel, als er 2003 rund 60 Hektar Acker- und Weizenland kaufte. Und er hatte Geld.
Er engagierte den international wohl erfolgreichsten Weinflüsterer und -consultant Michel Rolland und holte sich die französischen Terroir-Spezialisten Claude und Lydia Bourguignon, welche die Eignung der roten, stark mineralhaltigen Böden auf 50-80 Metern ü. Meer für die französischen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Petit-Verdot, Syrah und Chardonnay ausführlich analysierten. Er liess einen funktionalen, schmucklosen Keller bauen, in dem ausschliesslich mit Schwerkraft gearbeitet wird und keine qualitätsmindernden Pumpen erforderlich sind. Selbstredend, dass die Temperatur im Gärkeller bei Bedarf angehoben werden kann und dass die hereinkommenden Trauben in einem Kühltunnel auf wenige Grad gekühlt werden. Das gesamte Traubengut wird penibel von Hand sortiert, ein Kellermeister aus Frankreich mit einem qualifizierten Team garantiert die kongruente Umsetzung der ehrgeizigen Vorgaben im Sinne Michel Rollands: „Früher heilte und linderte die Önologie, heute beugt sie vor und sorgt für Qualität”. Einen, vorsichtig geschätzt, gut zweistelligen Millionenbetrag dürfte Weber bisher in die Anlage investiert haben, zuzüglich der laufenden Kosten und für intensive Arbeiten an Bekanntheitsgrad und Image. Kein anderes Weingut hat in den letzten Jahren so viele, durchwegs positive Artikel, in Weinfachzeitschriften unterbringen können. Die Bausteine für die Story sind gut und wurden gerne genommen: Junger Deutscher Investor fängt in der Maremma auf der grünen Wiese mit französischem Team bei Null an und will einen neuen Supertuscan produzieren…..
In hochwertig besetzten Degustationen erreichen die Weine von Monteverro, allen voran der gleichnamige Hauptwein, inzwischen regelmässig hohe Punktzahlen, ein funktionierender Vertrieb in Europa, USA und Asien ist aufgebaut und der mutig angesetzte Endverbraucherpreis hat sich auf über 100 Euro etabliert.
Jetzt wird es darauf ankommen, diese Flughöhe zu halten und ständig im Gespräch zu bleiben. Die dreissig Jahre Vorsprung von Masseto und Co. und die bis sechsfach höheren Preise pro Flasche lassen sich nicht in wenigen Jahren einholen.

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Auch der Weinschreiber

lernt gerne dazu und erweitert seinen Horizont. Kürzlich schrieb eine Champagner- und Weinhändlerin einige muntere Zeilen über einen Champagner, den sie im Sortiment führt. Informativ, präzis und ganz ohne die sonst häufig begleitenden Lobhudeleien. Im Paket drei Flaschen eines Champagners, den ich noch nie getrunken, ja von dem ich bisher noch nicht mal gehört oder gelesen hatte, obwohl ich mich beim Champagner ganz leidlich auskenne. Auch die einschlägige Literatur half nicht entscheidend weiter. Das 1923 in der südlichen Champagne gegründete Weingut ist bis heute im Familienbesitz und verarbeitet nur Trauben aus eigenen Lagen, gearbeitet wird klassisch und äusserst qualitätsbewußt. Ich probierte die erste Flasche und war positiv überrascht. Auch die zweite Flasche und dritte Flaschen überzeugten. Die Grande Cuvée Rosé, zu 90 % aus Pinot noir, abgerundet mit etwas rot ausgebautem Wein, schmeckte ausgesprochen delikat. Ich suchte nach den Preisen. In den Unterlagen war nichts, auch auf der Website kam ich nicht weiter. Gerne hätte ich geschrieben, dass gute Qualität auch zu vernünftigen Preisen erhältlich ist. Ob das so ist, werden die Leser dieser Kolumne erfahren, wenn sie einige Flaschen bestellen. Die Champagnermarke heißt LAURENTI und ist erhältlich über www.kuepperundkuepper.de.

P.S. Höchst erfreulich waren die zahlreichen Reaktionen auf winedine.de. Der hier erstemals präsentierte WeinKellerRechner© wird intensiv genutzt. Für Ihre Anregungen und Fragen haben wir weiterhin ein offenes Ohr.

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Geht doch!

Auf dem Flughafen Helsinki, direkt am Pier 27 mit Blick auf das Vorfeld, hat sich vor zwei Jahren eine Weinbar installiert: Wine&View. Übersichtlich, modern möbliert, angenehm, aufmerksame Bedienung, Tapas. Im Angebot etwa 70 bis 80 Weine, die ohne Ausnahme auch glasweise erhältlich sein sollen. Im Februar 2010 wurde die Liste angeführt von Cheval blanc, Jahrgang 47, das Glas zu 128 Euro. Der Château d’Yquem von 1979 kostet 34, der 76 Prieure-Lichine für 6.40, ein Glas Piper-Heidsieck aus 1966 ist für 17 Euro zu haben. Es folgen einfachere Rotweine und ein gutes Dutzend Cavas und Champagner. Dass die Preziosen über den Messbecher ins Glas gefüllt werden, erscheint verständlich – dass die Ausschankmengen variieren, mag auch noch angehen. Etwas weniger erfreulich, dass Weine im Rang eines Cheval blanc, nur geöffnet werden, wenn mindestens 20 cl abgenommen werden, was wiederum 10 Gläsern à 128 Euro entspricht und dass beim flüchtigen Blick auf die Schiefertafel, wo täglich die neusten Weine  angeschrieben werden, nicht hinreichend deutlich wird, auf welche Menge sich der Preis bezieht. Diese variieren zwischen 2cl bis 24 cl (1 Liter gleich 100cl). Die Normalmenge sind 4 cl. Die geöffneten Weine sind mit einem Vakuumstöpsel verschlossen – in der Zeit meines Besuchs trat die Vakuumpumpe jedoch nie in Aktion. Dennoch ein guter Platz, um beim Warten auf den Abflug den Weinhorizont etwas zu erweitern.

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Die Schweizer

wenn es darum geht, die Schönheit der touristischen Schweiz und die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Urlaubsgestaltung zu kommunizieren und anzupreisen, machen die Leute von Schweiz Tourismus ihre Sache kreativ, munter und mit einem ausgesprochen guten Händchen für Themen, die bei Medien, Reisefreudigen und -willigen gut ankommen: So entsteht übers Jahr ein lebhafter Mix aus Brauchtum, Natur, Kulinarisches, Alpen und Gletscher, Seen, Sport, Tradition, Handwerk, Kunst und vielem mehr, was die Schweiz ausmacht, prägt, ja bekannt und berühmt gemacht hat. Selbst die exquisiten Schweizer Weine sind inzwischen in die touristischen Aktivitäten eingebunden, was gewiss nicht einfach ist – gehören gerade Weinproduzenten und vor allem ihre unvermeidlichen Funktionäre häufig zu jener Gruppe Schweizer, die nichts ausserhalb ihres eigenen Tals lobenswert finden und noch immer das Brett vor dem Kopf haben, das eigentlich der Laufsteg in die Welt sein könnte.
Aber es geht auch anders: Vereint aus der ganzen Schweiz stellten sich die Schweizer Luxushotels kürzlich den internationalen Medien: „Luxury Switzerland” hiess das Motto und es war bemerkenswert, wie offen und unverkrampft die Damen und Herren Generaldirektoren ihre Häuser und deren Serviceangebot präsentierten und tiefe Einblicke in die Kulissen ermöglichten. Es gehört Mut dazu, den Medien gerade in diesen Zeiten das Thema Luxus zu präsentieren. Schweiz Tourismus und die Hoteliers haben das souverän und mit Bravour erledigt. Vielleicht weil Aufgeschlossenheit für sie tägliches Geschäft ist – das nichts wäre ohne anspruchsvolle Gäste aus der ganzen Welt.

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Blick in die Flasche

Wer bisher eine angebrochene Flasche für einige Tage frisch halten wollte, d.h. den Wein vor Oxydation schützen, hatte verschiedene Möglichkeiten. Der Pumpverschluss, mit dem ein leichtes Vakuum in der Flasche in der Flasche erzeugt werden konnte, war das billigste Verfahren, Gerätschaften, mit denen eine schützende Stickstoff-Lage über den Wein gefüllt werden konnte, waren etwas aufwendiger und teurer. So oder so, die Flasche war geöffnet und ihr Ende abzusehen.in the box_finalDas neue Gerät Coravin aus den USA ermöglicht einen Probierschluck aus der Flasche, ohne dass diese geöffnet werden muss. Die Sammler von langlebigen Bordeaux, die nicht den idealen Trinkfenstern von René Gabriel und andern Experten vertrauen wollen, können sich nun ein Bild vom Reifezustand ihrer Flaschen machen, ohne dafür gleich eine opfern zu müssen. Auch jene, denen der Arzt Wein nur noch homöopathische Mengen erlaubt, können ihren Pétrus nun endlich schluckweise über mehrere Wochen geniessen. Für alle andern ist die 299-Euro-Maschine wahrscheinlich doch eher mehr ein nice-to-have als denn unverzichtbar: 1. Das verwendete Argon-Gas ist zwar absolut geruchsneutral, trotzdem kann der Wein beim Abzapfen für ein paar Sekunden leicht moussieren, schliesslich wird er wird unter Druck aus der Flasche durch die haarfeine Nadel ins Glas gepresst – für Puristen eine unwürdige Behandlung für einen edlen alten Wein. 2. Die Argonpatronen, Stückpreis 10 Euro, ermüden relativ schnell – zu hohe Kosten für z.B. Weinhändler. 3. Der Korken jeder Flasche ist anders – welche zusätzlichen Veränderungen er durch das mehrfache Perforieren auf voller Länge erleidet, ist noch unerforscht. Wer es dennoch genauer wissen will: www.coravin.de

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Fragwürdiger Weinjournalismus

die allgemeine Wirtschaftslage und die elektronischen Medien haben den Printmedien zum Teil schwer zugesetzt: Anzeigenaufkommen rückläufig, Abonnenten und Kioskkäufer genauso. Ganze Publikationen sind bereits vom Markt verschwunden, andere haben offenkundige Schwierigkeiten. Stellen werden gestrichen, Produktionskosten und Honorare gekürzt. Krisen, man weiss das, sind auch immer eine Chance. Energien und Kreativität werden freigesetzt, neue Ideen und Konzepte entwickelt. Mitunter entstehen dabei aber merkwürdige, fragwürdige und dubiose Ergebnisse: Wenn ein redaktionell aufgemachter, mehrseitiger Bericht über eine Weinregion nur durch das mikroskopisch-kleine Wörtchen „Publireportage” als Anzeige zu erkennen ist – hat das mit Journalismus nur noch am Rande zu tun. Wenn Weinautoren mit bekannten Namen auch als „Präsident” und „Direktor” eines kommerziellen Leser-Weinclubs auf ganzseitigen Anzeigen Weine anpreisen, wenn eine Wochenzeitung ihren Lesern Weine andient, die von einer Experten-Jury selektioniert wurden, die es gar nicht gibt, wenn Einmann-Juries die Sieger ganzer Weingattungen festlegen und dekorieren – hat das mit transparentem Weinjournalismus nichts mehr zu tun. Wenn sich eine Weinjournalistin mit einer Genossenschaft zusammentut, die unter ihrem Namen eine ”Collection” in den Markt gibt, den die gleiche Journalistin jährlich auch in einem Weinführer beurteilt – hat das mit professionellem Weinjournalismus nichts mehr zu tun. Und wenn PR-Agenturen die Themen setzen, indem sie Weinjournalisten Reise, Flug und ein Honorar bezahlen, den Text dann in Medien platzieren (die ihn zum „Nulltarif” mit Handkuss nehmen) – hat das mit unabhängigem Weinjournalismus schon überhaupt nichts mehr zu tun.

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Schweizer Weine

Wer sich über Schweizer Weine einen Überblick verschaffen, wer die besten Produzenten aus allen Schweizer Weingebieten kennenlernen oder deren Weine degustieren wollte, hatte es nicht leicht: nur mit gezielten Fahrten in die Bündner Herrschaft, ins Wallis, in den Tessin, ins Waadtland, die Drei-Seen-Region, nach Genf oder in die Ostschweiz liess sich kennenlernen, was wirklich gut ist. Aus welchen Gründen auch immer schafften es die Schweizer Produzenten einfach nicht, gemeinsam an einem Ort zur gleichen Zeit aufzutreten.
Dank dem MDVS, dem „Mémoire des Vins Suisses”, 2002 gegründet von Schweizer Weinjournalisten, ist das anders geworden. Ende August präsentierten die 39 derzeitigen Mitglieder (in etwa identisch mit den Schweizer 3-Sterne Erzeugern auf dieser Webseite) zusammen mit Gleichgesinnten im Zürcher Kongresshaus ihre Weine. Insgesamt 124 Produzenten aus der ganzen Schweiz. Eine repräsentative, muntere und sehr gut besuchte Veranstaltung. Bravo.
Eine knappe Woche später die VINEA in Sierre. Gestartet 1993 als charmante Ausstellung des Walliser Weins auf der Hauptstrasse in Sierre, ist das selbsternannte „Kompetenzzentrum des Schweizer Weins” etwas vom Weg abgekommen: Jedenfalls fehlten erneut wichtige Walliser-Produzenten und Publikumsmagnete, dafür erschienen als „Gastregion” einige Produzenten  aus dem Tessin und aus Châteauneuf-du-Pape. Für den vollmundig angekündigten „Salon der Schweizer Weine” reicht das noch lange nicht und als repräsentative Jahresschau der Walliser Weine leider nicht mehr. Schade.

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