WINEDINE

Christian Wenger über Weine, Weinproduzenten, Restaurants & Hotels und Kulinarisches

Wie wie entsteht ein Kultwein?

nur wenige italienische Weine aus der südlichen Toskana erscheinen regelmässig in den Katalogen der internationalen Weinauktionshäuser und in den Listen der meistgefragten auf Auktionen gehandelten Weine. Meistens liegen schon die geforderten Mindestgebote in Preisbereichen, die den Rahmen eines Tischweins für ein schlichtes Essen deutlich sprengen. Die Erfolgsgeschichten von Ornellaia, Sassicaia, Tignanello, Solaia und vor allem Masseto sind Legende und haben weinbegeisterte Investoren auf den Plan gerufen, die das Kapitel der sogenannten Supertuscans gerne weiterschreiben würden.
Einer von ihnen ist Georg Weber, Betriebswirt, knappe 40 Jahre alt, Inhaber der vor allem im süddeutschen Raum bekannten, erfolgreichen Dehner-Gartencenter. Er ist seit Gründer und Besitzer von Monteverro in Capalbio in der südlichsten Maremma, näher bei Rom als bei Florenz. Er hatte präzise Vorstellungen von seinem Wein-Ziel, als er 2003 rund 60 Hektar Acker- und Weizenland kaufte. Und er hatte Geld.
Er engagierte den international wohl erfolgreichsten Weinflüsterer und -consultant Michel Rolland und holte sich die französischen Terroir-Spezialisten Claude und Lydia Bourguignon, welche die Eignung der roten, stark mineralhaltigen Böden auf 50-80 Metern ü. Meer für die französischen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Petit-Verdot, Syrah und Chardonnay ausführlich analysierten. Er liess einen funktionalen, schmucklosen Keller bauen, in dem ausschliesslich mit Schwerkraft gearbeitet wird und keine qualitätsmindernden Pumpen erforderlich sind. Selbstredend, dass die Temperatur im Gärkeller bei Bedarf angehoben werden kann und dass die hereinkommenden Trauben in einem Kühltunnel auf wenige Grad gekühlt werden. Das gesamte Traubengut wird penibel von Hand sortiert, ein Kellermeister aus Frankreich mit einem qualifizierten Team garantiert die kongruente Umsetzung der ehrgeizigen Vorgaben im Sinne Michel Rollands: „Früher heilte und linderte die Önologie, heute beugt sie vor und sorgt für Qualität”. Einen, vorsichtig geschätzt, gut zweistelligen Millionenbetrag dürfte Weber bisher in die Anlage investiert haben, zuzüglich der laufenden Kosten und für intensive Arbeiten an Bekanntheitsgrad und Image. Kein anderes Weingut hat in den letzten Jahren so viele, durchwegs positive Artikel, in Weinfachzeitschriften unterbringen können. Die Bausteine für die Story sind gut und wurden gerne genommen: Junger Deutscher Investor fängt in der Maremma auf der grünen Wiese mit französischem Team bei Null an und will einen neuen Supertuscan produzieren…..
In hochwertig besetzten Degustationen erreichen die Weine von Monteverro, allen voran der gleichnamige Hauptwein, inzwischen regelmässig hohe Punktzahlen, ein funktionierender Vertrieb in Europa, USA und Asien ist aufgebaut und der mutig angesetzte Endverbraucherpreis hat sich auf über 100 Euro etabliert.
Jetzt wird es darauf ankommen, diese Flughöhe zu halten und ständig im Gespräch zu bleiben. Die dreissig Jahre Vorsprung von Masseto und Co. und die bis sechsfach höheren Preise pro Flasche lassen sich nicht in wenigen Jahren einholen.

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Auch der Weinschreiber

lernt gerne dazu und erweitert seinen Horizont. Kürzlich schrieb eine Champagner- und Weinhändlerin einige muntere Zeilen über einen Champagner, den sie im Sortiment führt. Informativ, präzis und ganz ohne die sonst häufig begleitenden Lobhudeleien. Im Paket drei Flaschen eines Champagners, den ich noch nie getrunken, ja von dem ich bisher noch nicht mal gehört oder gelesen hatte, obwohl ich mich beim Champagner ganz leidlich auskenne. Auch die einschlägige Literatur half nicht entscheidend weiter. Das 1923 in der südlichen Champagne gegründete Weingut ist bis heute im Familienbesitz und verarbeitet nur Trauben aus eigenen Lagen, gearbeitet wird klassisch und äusserst qualitätsbewußt. Ich probierte die erste Flasche und war positiv überrascht. Auch die zweite Flasche und dritte Flaschen überzeugten. Die Grande Cuvée Rosé, zu 90 % aus Pinot noir, abgerundet mit etwas rot ausgebautem Wein, schmeckte ausgesprochen delikat. Ich suchte nach den Preisen. In den Unterlagen war nichts, auch auf der Website kam ich nicht weiter. Gerne hätte ich geschrieben, dass gute Qualität auch zu vernünftigen Preisen erhältlich ist. Ob das so ist, werden die Leser dieser Kolumne erfahren, wenn sie einige Flaschen bestellen. Die Champagnermarke heißt LAURENTI und ist erhältlich über www.kuepperundkuepper.de.

P.S. Höchst erfreulich waren die zahlreichen Reaktionen auf winedine.de. Der hier erstemals präsentierte WeinKellerRechner© wird intensiv genutzt. Für Ihre Anregungen und Fragen haben wir weiterhin ein offenes Ohr.

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Geht doch!

Auf dem Flughafen Helsinki, direkt am Pier 27 mit Blick auf das Vorfeld, hat sich vor zwei Jahren eine Weinbar installiert: Wine&View. Übersichtlich, modern möbliert, angenehm, aufmerksame Bedienung, Tapas. Im Angebot etwa 70 bis 80 Weine, die ohne Ausnahme auch glasweise erhältlich sein sollen. Im Februar 2010 wurde die Liste angeführt von Cheval blanc, Jahrgang 47, das Glas zu 128 Euro. Der Château d’Yquem von 1979 kostet 34, der 76 Prieure-Lichine für 6.40, ein Glas Piper-Heidsieck aus 1966 ist für 17 Euro zu haben. Es folgen einfachere Rotweine und ein gutes Dutzend Cavas und Champagner. Dass die Preziosen über den Messbecher ins Glas gefüllt werden, erscheint verständlich – dass die Ausschankmengen variieren, mag auch noch angehen. Etwas weniger erfreulich, dass Weine im Rang eines Cheval blanc, nur geöffnet werden, wenn mindestens 20 cl abgenommen werden, was wiederum 10 Gläsern à 128 Euro entspricht und dass beim flüchtigen Blick auf die Schiefertafel, wo täglich die neusten Weine  angeschrieben werden, nicht hinreichend deutlich wird, auf welche Menge sich der Preis bezieht. Diese variieren zwischen 2cl bis 24 cl (1 Liter gleich 100cl). Die Normalmenge sind 4 cl. Die geöffneten Weine sind mit einem Vakuumstöpsel verschlossen – in der Zeit meines Besuchs trat die Vakuumpumpe jedoch nie in Aktion. Dennoch ein guter Platz, um beim Warten auf den Abflug den Weinhorizont etwas zu erweitern.

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Die Schweizer

wenn es darum geht, die Schönheit der touristischen Schweiz und die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Urlaubsgestaltung zu kommunizieren und anzupreisen, machen die Leute von Schweiz Tourismus ihre Sache kreativ, munter und mit einem ausgesprochen guten Händchen für Themen, die bei Medien, Reisefreudigen und -willigen gut ankommen: So entsteht übers Jahr ein lebhafter Mix aus Brauchtum, Natur, Kulinarisches, Alpen und Gletscher, Seen, Sport, Tradition, Handwerk, Kunst und vielem mehr, was die Schweiz ausmacht, prägt, ja bekannt und berühmt gemacht hat. Selbst die exquisiten Schweizer Weine sind inzwischen in die touristischen Aktivitäten eingebunden, was gewiss nicht einfach ist – gehören gerade Weinproduzenten und vor allem ihre unvermeidlichen Funktionäre häufig zu jener Gruppe Schweizer, die nichts ausserhalb ihres eigenen Tals lobenswert finden und noch immer das Brett vor dem Kopf haben, das eigentlich der Laufsteg in die Welt sein könnte.
Aber es geht auch anders: Vereint aus der ganzen Schweiz stellten sich die Schweizer Luxushotels kürzlich den internationalen Medien: „Luxury Switzerland” hiess das Motto und es war bemerkenswert, wie offen und unverkrampft die Damen und Herren Generaldirektoren ihre Häuser und deren Serviceangebot präsentierten und tiefe Einblicke in die Kulissen ermöglichten. Es gehört Mut dazu, den Medien gerade in diesen Zeiten das Thema Luxus zu präsentieren. Schweiz Tourismus und die Hoteliers haben das souverän und mit Bravour erledigt. Vielleicht weil Aufgeschlossenheit für sie tägliches Geschäft ist – das nichts wäre ohne anspruchsvolle Gäste aus der ganzen Welt.

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Blick in die Flasche

Wer bisher eine angebrochene Flasche für einige Tage frisch halten wollte, d.h. den Wein vor Oxydation schützen, hatte verschiedene Möglichkeiten. Der Pumpverschluss, mit dem ein leichtes Vakuum in der Flasche in der Flasche erzeugt werden konnte, war das billigste Verfahren, Gerätschaften, mit denen eine schützende Stickstoff-Lage über den Wein gefüllt werden konnte, waren etwas aufwendiger und teurer. So oder so, die Flasche war geöffnet und ihr Ende abzusehen.in the box_finalDas neue Gerät Coravin aus den USA ermöglicht einen Probierschluck aus der Flasche, ohne dass diese geöffnet werden muss. Die Sammler von langlebigen Bordeaux, die nicht den idealen Trinkfenstern von René Gabriel und andern Experten vertrauen wollen, können sich nun ein Bild vom Reifezustand ihrer Flaschen machen, ohne dafür gleich eine opfern zu müssen. Auch jene, denen der Arzt Wein nur noch homöopathische Mengen erlaubt, können ihren Pétrus nun endlich schluckweise über mehrere Wochen geniessen. Für alle andern ist die 299-Euro-Maschine wahrscheinlich doch eher mehr ein nice-to-have als denn unverzichtbar: 1. Das verwendete Argon-Gas ist zwar absolut geruchsneutral, trotzdem kann der Wein beim Abzapfen für ein paar Sekunden leicht moussieren, schliesslich wird er wird unter Druck aus der Flasche durch die haarfeine Nadel ins Glas gepresst – für Puristen eine unwürdige Behandlung für einen edlen alten Wein. 2. Die Argonpatronen, Stückpreis 10 Euro, ermüden relativ schnell – zu hohe Kosten für z.B. Weinhändler. 3. Der Korken jeder Flasche ist anders – welche zusätzlichen Veränderungen er durch das mehrfache Perforieren auf voller Länge erleidet, ist noch unerforscht. Wer es dennoch genauer wissen will: www.coravin.de

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Fragwürdiger Weinjournalismus

die allgemeine Wirtschaftslage und die elektronischen Medien haben den Printmedien zum Teil schwer zugesetzt: Anzeigenaufkommen rückläufig, Abonnenten und Kioskkäufer genauso. Ganze Publikationen sind bereits vom Markt verschwunden, andere haben offenkundige Schwierigkeiten. Stellen werden gestrichen, Produktionskosten und Honorare gekürzt. Krisen, man weiss das, sind auch immer eine Chance. Energien und Kreativität werden freigesetzt, neue Ideen und Konzepte entwickelt. Mitunter entstehen dabei aber merkwürdige, fragwürdige und dubiose Ergebnisse: Wenn ein redaktionell aufgemachter, mehrseitiger Bericht über eine Weinregion nur durch das mikroskopisch-kleine Wörtchen „Publireportage” als Anzeige zu erkennen ist – hat das mit Journalismus nur noch am Rande zu tun. Wenn Weinautoren mit bekannten Namen auch als „Präsident” und „Direktor” eines kommerziellen Leser-Weinclubs auf ganzseitigen Anzeigen Weine anpreisen, wenn eine Wochenzeitung ihren Lesern Weine andient, die von einer Experten-Jury selektioniert wurden, die es gar nicht gibt, wenn Einmann-Juries die Sieger ganzer Weingattungen festlegen und dekorieren – hat das mit transparentem Weinjournalismus nichts mehr zu tun. Wenn sich eine Weinjournalistin mit einer Genossenschaft zusammentut, die unter ihrem Namen eine ”Collection” in den Markt gibt, den die gleiche Journalistin jährlich auch in einem Weinführer beurteilt – hat das mit professionellem Weinjournalismus nichts mehr zu tun. Und wenn PR-Agenturen die Themen setzen, indem sie Weinjournalisten Reise, Flug und ein Honorar bezahlen, den Text dann in Medien platzieren (die ihn zum „Nulltarif” mit Handkuss nehmen) – hat das mit unabhängigem Weinjournalismus schon überhaupt nichts mehr zu tun.

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Schweizer Weine

Wer sich über Schweizer Weine einen Überblick verschaffen, wer die besten Produzenten aus allen Schweizer Weingebieten kennenlernen oder deren Weine degustieren wollte, hatte es nicht leicht: nur mit gezielten Fahrten in die Bündner Herrschaft, ins Wallis, in den Tessin, ins Waadtland, die Drei-Seen-Region, nach Genf oder in die Ostschweiz liess sich kennenlernen, was wirklich gut ist. Aus welchen Gründen auch immer schafften es die Schweizer Produzenten einfach nicht, gemeinsam an einem Ort zur gleichen Zeit aufzutreten.
Dank dem MDVS, dem „Mémoire des Vins Suisses”, 2002 gegründet von Schweizer Weinjournalisten, ist das anders geworden. Ende August präsentierten die 39 derzeitigen Mitglieder (in etwa identisch mit den Schweizer 3-Sterne Erzeugern auf dieser Webseite) zusammen mit Gleichgesinnten im Zürcher Kongresshaus ihre Weine. Insgesamt 124 Produzenten aus der ganzen Schweiz. Eine repräsentative, muntere und sehr gut besuchte Veranstaltung. Bravo.
Eine knappe Woche später die VINEA in Sierre. Gestartet 1993 als charmante Ausstellung des Walliser Weins auf der Hauptstrasse in Sierre, ist das selbsternannte „Kompetenzzentrum des Schweizer Weins” etwas vom Weg abgekommen: Jedenfalls fehlten erneut wichtige Walliser-Produzenten und Publikumsmagnete, dafür erschienen als „Gastregion” einige Produzenten  aus dem Tessin und aus Châteauneuf-du-Pape. Für den vollmundig angekündigten „Salon der Schweizer Weine” reicht das noch lange nicht und als repräsentative Jahresschau der Walliser Weine leider nicht mehr. Schade.

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Warum?

Wer viele Jahre über Wein, Essen&Trinken, Hotels und Reisen schreibt, wird häufig nach Zusammenhängen gefragt, nach Begriffen, Unterscheidungen und Zahlen, die sich nur selten oder gar nicht in den Artikeln für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine unterbringen lassen. Aus unzähligen Blindverkostungen und den alljährlichen Anteprima- Präsentationen in der Toskana, im Piemont und anderen Weingebieten haben sich Beurteilungen von Weinen angesammelt, die sich zu Gesamtwertungen für den das Weingut oder den Produzenten zusammenfassen lassen. Ich halte solche Bewertungen, welche über die Qualität eines Weinguts während vieler Jahre Auskunft geben, für viel aussagekräftiger als jahrgangsgesprägte Bewertungen einzelner Weine oder Flaschen. Beim Verfassen eines Dossiers für den WeinGourmet stellte sich die Frage nach der Zusammensetzung des idealen Kellers und ob man unter Einbezug von Lagerpotentialen, unterschiedlichen Weinvorlieben, Trinkgewohnheiten und Preissegmenten überhaupt nutzbare Empfehlungen aussprechen kann. Das war auf dem blossen Papier nicht zu lösen. So entstand die hier veröffentlichte erste Version des WeinKellerrechners mit der Möglichkeit, die iedale Konfiguration anschliessend auszudrucken. Einige Rubriken sind noch in Arbeit oder werden aktualisiert. Neues wird dazukommen. Schreiben Sie Ihren Kommentar, Anregungen, Kritik.

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Der Weinschreiber wünscht sich zu Weihnachten

  • – mehr glasweisen Ausschank von guten Weinen in korrekter Temperierung
  • – dass die Glaskultur zunimmt. Privat, und vor allem in Restaurants
  • – mehr Weinkarten, die nach Weintypen, d.h. nach Geschmack sortiert sind
  • – mehr Rückenetiketten mit den wichtigsten Angaben zu Wein und Süsse
  • – weiterer Vormarsch erstklassiger Winzerchampagner auch in Deutschland
  • – korkfreie Weinverschlüsse und aufgeschlossene Weintrinker ohne Nostalgie
  • – Comeback von Sherry, Port und Madeira
  • – mehr Weintrinker, die für eine Flasche mehr als 5 Euro auszugeben bereit sind

und in 2010 (möglichst) keine

  • – Weinjournalisten, die einen 2,99 Euro-Wein beschreiben wie einen für 300
  • – Wein-Clubs von Zeitungen/Zeitschriften, die nur getarnte Anzeigen sind
  • – Gastronomen, die Rotweine immer noch bei „Zimmertemperatur” ausschenken
  • – Händler, die viele Wein-Namen kennen und nichts darüber wissen
  • – weitere Zunahme feinherber (restsüsser) Weine deutscher Herkunft
  • – Drei-Euro-Weine, die über Tausende von Kilometern herangeschafft werden
  • – Experimente mit exotischen Rebsorten um den Verlust von Identität und Eigenart
  • – Champagner-Fantasiemarken aus täglich wechselnden dubiosen Ankäufen

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