Vita

Christian Wenger (Jahrgang 47) lebt in der Alta Langa im Piemont, wo er eigenen Wein anbaut und in Hamburg. Er schrieb viele Jahre über Wein für die Financial Times, Stern, Feinschmecker, Alles über Wein u.a. Parallel betrieb er das W+P Büro für Kommunikation, Hamburg, spezialisiert auf ganzheitliche Corporate Identity, Strategien, Konzepte, Projekte für Unternehmen, Medien und Märkte. U. a. für Schweizer Rück, Deutsche Börse, Fraunhofer Gesellschaft. Davor Studium der Germanistik und Soziologie, Redakteur bei DIE ZEIT und ZEITMagazin, Vorstandsassistent und Objektmanager bei Gruner+Jahr, Verlagsleiter und Geschäftsführer bei WIRTSCHAFTSWOCHE, Düssseldorf, MANAGER MAGAZIN und DER SPIEGEL, Hamburg.

Christian Wenger, Studies of Literature and Sociology, is Wine Writer for „Stern”, „Financial Times”, „Süddeutsche Zeitung”,”Der Feinschmecker” and „winedine.de” Member of FIJEV International Federation of Wine and Spirits Writers, Slow Food. Christian lives in Piemonte and Hamburg and loves Nebbiolo and all good sparklings.

WINEDINE

Christian Wenger über Weine, Weinproduzenten, Restaurants & Hotels und Kulinarisches

Eine Lanze für den Pelaverga

Eine Lanze für den Pelaverga
Der Piemont erstreckt sich von der Schweizer Grenze bis Ligurien. Hauptstadt ist Turin. Keine andere Provinz Italiens hat unter Feinschmeckern einen besseren Ruf als das Gebiet der Langhe, italienisch Langa, begrenzt von den Orten Alba, Dogliani und Canelli. Hier liegen die Dörfer mit den für Weinfreunden magischen Namen: Barolo, Barbaresco, La Morra, Serralunga, Castiglione Falletto, Monforte d’Alba und Verduno. Angefangen hat der Boom für die Weine aus dem Piemont in den achtziger Jahren, als die Söhne und Töchter der Weinproduzenten der Massenproduktion den Kampf ansagten. Rigoros räumten sie mit der traditionellen Weinherstellung auf: Im Weinberg reduzierten sie den Ertrag, im Keller suchten sie nach neuen Methoden für die Verarbeitung und Vinifikation. Die Wogen gingen damals hoch. Die jungen Wilden wurden unterstützt und gefördert von einem, der schon ganz oben war und dessen Weine Kultstatus erreicht hatten, Angelo Gaja aus Barbaresco. Aber es wäre ungerecht, die Langa nur über den Wein zu definieren. Die Küche gilt als die raffinierteste und beste Italiens. Alle Arten von handgemachten Eierteigwaren (Tajarin, Agnolotti al plin) oder Carne Cruda (feinstes rohes Kalbfleisch mit Olivenöl und Parmesan) aus dem Fleisch der Rasse Fassone – beide Gerichte in der Saison verfeinert mit etwas gehobeltem weissem Trüffel. Brasato (Schmorbraten) in Barolo, herrliche Käse, Flans aus Gemüse, Paprika mit der berühmten Käsesauce Fonduta, gerührt aus Fontinakäse und Eigelb.

Sind es im Oktober und November die weissen Trüffel auf den Eiernudeln, die vor allem an Wochenenden Touristen aus der Schweiz, Skandinavien, Deutschland und Österreich, aber auch Einheimische aus Turin und Mailand in Scharen anziehen, so begeistern die Weine aus der Langhe rund ums Jahr: Die wichtigste Traubensorte ist die Nebbiolo-Traube. Aus ihr entstehen der Barolo und der Barbaresco und natürlich auch der einfachere Nebbiolo. Barbera und Dolcetto sind zwei andere Traubensorten, aus denen Weine mit diesen Namen gemacht werden. Fortgeschrittene Rotweinfreunde kennen noch eine weitere rote Traubensorte: Pelaverga oder ganz korrekt auch Pelaverga piccolo. Diese Traubensorte stammt aus Verduno, aus der nördlichsten Ecke der Langa und wird ausschliesslich in Verduno angebaut. Ganze 30 Hektaren stehen unter Ertrag, bewirtschaftet von derzeit 19 Weinbauern, die daneben auch die klassischen Traubensorten der Langa anbauen und im Zweifel von diesen leben.
Diese Weinbauern taten sich, angeführt von Diego Morra zu „Verduno è Uno“ vor zwei Jahren zusammen, organisierten für Journalisten aus aller Welt eine von dem bekannten Weinjournalisten Jan d’Agata geführte Pelaverga-Degustation (per zoom aus Shanghai) und ein Seminar mit Edmondo Bonelli über Böden und Klima. Dazwischen gab es Gelegenheit, mit den Winzern zu sprechen und andere Weine aus deren Produktion zu degustieren.

Verduno ist ein kleiner Ort mit 500 Einwohnern auf der letzten Hügelkuppe, bevor das Gelände zum Fluss Tanaro abfällt. Mittendrin im grossem Park das imposante Castello di Verduno mit riesigen Suiten und Zimmern. Von März bis Oktober kann man hier lustwandeln, dinieren und dem Wein aus der hauseigenen Cantina zusprechen. Diese pflanzte übrigens den ersten sortenreinen Pelaverga-Weinberg. In den siebziger und achtziger Jahren gehörte das Castello zusammen mit dem Bellavista in Bossolasco und dem famosen Felicin in Monforte zum führenden kulinarischen Dreigestirn der aufstrebenden Langa. Neben dem ehrwürdigen Charme des Real Castello gibt es auch moderne Herbergen in Verduno wie das Lo Speziale, das die Alessandria Fratelli gebaut haben. Auch kulinarisch hat man die Wahl: La Sbornia, Ca’del Re oder die Trattoria I Bercau. Alle der klassischen Piemontesischen Küche verpflichtet. Im Ca’del Re unbedingt das Vitello di Verduno probieren – rohes, mariniertes Kalbfleisch mit der Konsistenz von erstklassigem Schinken! Der Pelaverga ist ein eleganter, leichter Wein von meist hellroter Farbe, der sich durch einen klaren, angenehmen Geruch von roten Beeren und Früchten mit einer Note von Gewürzen und weissem Pfeffer auszeichnet. Trotz etwas Gerbsäure im Abgang ist er trinkig, saftig, unkompliziert und passt bestens als anregender Aperitif, zu Charcuterie, hellem Fleisch, Pasta und den weichen Käsesorten des Piemonts. Pelaverga kommt ausgesprochen gut mit den zwei unterschiedlichen Sedimentböden in Verduno zurecht. Der eine (St. Agatha, Tortonium) entstand in der Tiefe des von Venedig hineinragenden Arms des Mittelmeers, der vor acht Millionen Jahren die gesamte Fläche zwischen den Schweizer Alpen, den Französischen und den Italienischen Seealpen bedeckte. Er erstreckt sich westlich von Verduno Richtung La Morra. Schicht für Schicht, etwa 60% Schlick, 30% Ton und 10% Sand lagerten sich die von Kalkstein dominierten Abriebe der von den Flüssen der umliegenden Alpen ins Meer getragenen Gesteine ab, dazwischen fossile Schalen von Meeresmikroorganismen und anderem Meeresgetier. Vor rund sechs Millionen Jahren (Messinium) war das Mittelmeer beim heutigen Gibraltar vom Ozean abgeschnitten und erlebte einen intensiven Verdunstungsprozess, der den Wasserstand bis um 1500 Meter absenkte. In der Folge bildeten sich Salzlagunen, in denen sich Kreidkristalle ablagerten, der heute als natürlicher Dünger wirkt und das Wasser speichern kann. Diese Formation erstreckt sich von Verduno nach Westen bis an den Fluss Tanaro.

Die jährlich knapp 204.000 Flaschen Pelaverga haben inzwischen viele, meist einheimische, Liebhaber. Deswegen ist der Wein auf vielen Weinkarten im Piemont häufig ausgetrunken. Pro Flasche liegt man wie beim beliebten Dolcetto unter 20 Euro.Wer sich rechtzeitig gekümmert hat, freut sich über Flaschen meiner derzeit persönlichen Favoriten: Alessandria Fratelli, Commendatore G.B. Burlotto, Castello di Verduno, Poderi Luigi Einaudi, Diego Morra und auch Arnoldo Rivera, Massara, Scarpa und Cadia.

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Marchesi Frescobaldi: Gekonnte Selbstdarstellung

Marchesi Frescobaldi:
Gekonnte Selbstdarstellung
Ein guter Teil des Weinbaus in der Toskana wird seit mehreren Jahrhunderten von adligen Familien geprägt, die neben Wein auf grossen Flächen auch Getreide, Oliven und andere Produkte anbauen. Allerdings sind nach dem Ende der Mezzadria, der sogenannten Halbpacht in 1962, von den einstigen Grossgrundbesitzern nur wenige übriggeblieben. Sie heissen Antinori, Frescobaldi, Gondi, Mazzei, Ricasoli. Heute haben in der Toskana drei private Weingüter die größten Weinflächen: Antinori unter dem Vorsitz von Albiera Antinori, der ältesten Tochter von Piero Antinori, besitzt 3.000 Hektar Weinberge; Die venezianische Gruppe Zonin unter der Leitung von Pietro Mattioli verfügt über 1700 Hektar und die Frescobaldis unter dem Vorsitz von Lamberto Frescobaldi besitzen 1572 Hektar, fast 100 mehr als im Vorjahr. In der Rangliste der größten Privatgüter verfügt nur ein weiteres Weingut über mehr als tausend Hektar: Banfi bei Montalcino, seit vielen Jahren im Besitz der italo-amerikanischen Familie Mariani, gebietet über 1027 Hektar. Die Hingabe an den Weinbau und die Landwirtschaft im Allgemeinen ist schon seit jeher charakteristisch für die Familie Frescobaldi, die seit dem frühen vierzehnten Jahrhundert in der Toskana Wein herstellt. Zu den Vorfahren der Familie Frescobaldi zählen Literaten, Forscher, Musiker, Bankiers, Bischöfe und Staatsmänner. Das Familienarchiv hütet zahlreiche antike Dokumente, worunter sich Handelsverträge mit vielen europäischen Höfen befinden, die bis auf das XIII. Jahrhundert zurückgehen. Im XV. und XVI. Jahrhundert belieferten sie den englischen Hof mit Wein, sowie viele andere europäische Länder, darunter auch den Vatikan. In der Weintradition werden sie allenfalls noch übertroffen von der Familie Carregia Malabaila in Canale im Piemont, die nachgewiesen seit 1362 Wein anbaut und deren Tochter Lucrezia derzeit das Weingut in der 65. Generation führt.

Heute stellen die Frescobaldis auf folgenden neun Weingütern höchst unterschiedliche Weine her: Castello Pomino (Pomino), Castello Nipozzano (Nipozzano), Tenuta Perano (Gaiole in Chianti), Tenuta Castiglioni (Montespertoli), Tenuta CastelGiocondo (Montalcino), Tenuta Ammiraglia (Magliano in Toscana), Remole (Sieci), Tenuta Calimaia (Montepulciano), und Gorgona (Insel gegenüber Livorno). Alle liegen in unterschiedlichen Zonen der Toskana, die sich für die Erzeugung von Spitzenweinen (DOC, DOCG und IGT) eignen, und die sich in Bezug auf Anbaubedingungen und Geschichte unterscheiden. Hinzu kommen die Weingüter Ornellaia und Masseto in Bolgheri, die Tenuta Luce in Montalcino sowie Attems im Collio (Friaul). Jedes Weingut wird selbstständig geführt und hat ein eigenes Team, das verantwortlich für Weinbau und Keller zeichnet. Ergänzt durch die beiden Ristorante Frescobaldi in Florenz und London. In den vergangenen Tagen hat sich Frescobaldi an einem weiteren Weingut in Oregon in den Vereinigten Staaten beteiligt: Domaine Roy & fils, im Willamette Valley.

Dieses Angebot an schönen und gepflegten Weingütern nutzt Frescobaldi inzwischen geschickt zur Selbstdarstellung und Imagepflege für Weinfreunde, Kunden, Gäste, Geschäftspartner und Journalisten. Eine mehrköpfige Kommunikationsabteilung im Hauptsitz in Sieci bei Pontassieve kümmert sich um die gesamte Hospitality. Auf vorherige Anmeldung können die Weingüter besucht, eine geführte Weintour gemacht und Weine degustiert werden.

Auf einigen Gütern können auch Übernachtungen gebucht werden – so hält die Tenuta CastelCiocondo, im Village Castel Giocondo neuerdings luxuriös-gepflegte Gästezimmer bereit, von denen aus sich die zum Teil immer noch wilde Landschaft im Südwesten von Montalcino und die nahegelegene Tenuta Luce erkunden lassen. Ein Wellnessbereich und eine Weinauswahl runden das Angebot ab. Ein ausgiebiges Frühstück steht in der Foresteria im Nebengebäude für die Gäste der Tenuta bereit, für einen Restaurantbesuch muss man sich allerdings ins wenige Kilometer entfernte Montalcino begeben. Die namengebende Burg Castelgiocondo steht oberhalb der Tenuta Luce, sie wurde um 1100 zur Verteidigung der von der Küste nach Siena führenden Straße errichtet. Die Tenuta di Castelgiocondo war eines der vier Weingüter, auf denen man 1800 erstmals begann, den Brunello di Montalcino zu erzeugen. Das Castello ist auch der Sitz des neugestalteten Projekts Artisti per Frescobaldi. Es knüpft an die lange Tradition des Mäzenatentums der Familie an, die im Laufe der Jahrhunderte viele berühmte Künstler unterstützt hat. Die Sammlung kann nach Vereinbarung über www.artistiperfrescobaldi.it besichtigt werden.

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AltaLanga – Der Schaumwein Metodo classico des Piemont

AltaLanga
Der Schaumwein Metodo classico des Piemont
Die 140 Weine der inzwischen 60 Alta Langa-Produzenten hinterliessen bei der Prima dell’Alta Langa 2023 in der Reggia di Venaria bei Turin trotz majestätischer Kulisse einen zwiespältigen Eindruck. Da waren zwar ein knappes Dutzend Weine, die zu überzeugen vermochten, bei vielen andern dominierte ein mehr oder weniger intensiver Bitterton im Abgang, der auf Verarbeitungsfehler hindeutete, auf Trockenstress der Trauben oder eine Mischung aus beiden. Oder die Weine waren rustikal, mit wenig Spannung und/oder belanglos. Das ist schade, weil gerade eine aufstrebende Marke wie Alta Langa muss darauf achten sollte, dass die Weine das Gebiet, die Seele des ganz speziellen und typischen Territorriums widerspiegeln und nicht versucht wird, gerade aktuelle Moden nachzuahmen oder zu kopieren.

Viele der 60 Produzenten, die Mitglied im Consorzium sind, präsentierten dieses Jahr zum ersten mal ihre Weine. Und weil Bollicine derzeit sehr im Trend sind, werden die Weinbauern, die ihre Rot- und Weissweinweinkollektionen auch um einen Sprudel erweitern möchten, immer zahlreicher. So werden im nächsten Jahr trotz derzeitigen Absatzschwierigkeiten weitere Produzenten ihre ersten Spumante nach traditioneller Art vorstellen. 

Die Veranstaltung im Mai 2023 verdeutlichte Aspekte und Probleme der Alta Langa-Produktion und warf einige Fragen und Thesen auf: 

1. Die Herstellung eines hochwertigen Alta Langa fällt auch keinem erfolgreichen Piemonteser (Rot)-Weinmacher einfach in den Schoss. 

Bevor Erstlinge und Fingerübungen der Öffentlichkeit präsentiert werden dürfen, könnte eine Degustationsrunde über eine Zulassung entscheiden.

2. Warum viele Erstlinge sich ausgerechnet an „Dosage Zéro“ oder „non dosé“ versuchen, ist schwer zu verstehen. Spätestens von der Champagne weiss man, dass dies die Königsdisziplin ist, bei der Traubenqualität und Verarbeitung hundertprozentig stimmen müssen.

3. Wenn eine Ernte so problematische Ergebnisse zeigt, verstärkt sich die Frage, warum nicht mit Reserveweinen aus andern Jahrgängen gearbeitet werden darf, wenn es der Produktqualität dienen würde. Evtl. neben dem Jahrgang als eine weitere Alta Langa-Kategorie.

4. Nebbiolo und andere nichtaromatische Weine aus der Zone haben in einem charakteristischen und typischen Alta Langa (Pinot noir und Chardonnay) nichts zu suchen. Die erlaubten 10% sollten gestrichen werden.

5. Der Name Alta Langa wird häufig von Konsumenten, welche die Langa mit ihren berühmten Rotweinen kennen und besuchen, missverstanden bzw. gleichgesetzt mit einem Gebiet das höher liegt als die Langa. Schwer zu vermitteln, dass Alta Langa sogar aus Alba, Grinzane Cavour, Calamandrana oder gar aus Ovada kommen dürfen.

6. Warum das zuständige Consorzium den Sitz ausserhalb der Alta Langa-Zone in Asti hat, ist ein weiterer Hinweis auf die verwirrende Nicht-Kongruenz von Markenname und geografischer Bezeichnung.

7. Das Consorzium muss entschieden dafür sorgen, dass Alta Langa in den Weinguides als eigene Kategorie aufgeführt werden.

Das Consorzium Alta Langa wurde 2001 von einer Reihe von Spumante-Produzenten gegründet. Vorher hatte man auf die gesetzliche italienische Bezeichnung Talento vertraut, die für flaschenvergorene Schaumweine aus DOC-Trauben (Pinot nero, Pinot blanc, Chardonnay) und mindestens 15 monatiger Lagerung auf der Hefe erfunden worden war. Dieser Name konnte sich jedoch nie durchsetzen.

Die Gründung wurde in in der Alta Langa, in Bossolasco, auf gut 800 Metern ü.M., vollzogen. Obwohl damals die geografische Alta Langa seit Jahren klar definiert war (39 Orte, alle definiert durch ihre Meereshöhe), okkupierte man diesen Namen für insgesamt 147 Orte, in denen Alta Langa hergestellt werden darf. Nur 38 Orte sind identisch mit der geografischen Alta Langa. Das erzeugt mehr Verwirrung als Klarheit. 

Kein guter Start für eine neue Marke. Darüberhinaus wollte man einem rigorosen Statut die die anderen Flaschengärer wie die Champagne, Franciacorta, Trento und andere rechts überholen und setzte u.a. die höchste Flaschen-Lagerzeit auf der Hefe durch, 30 Monate. Auch dürfen nur Weine aus einem Jahrgang, der stets genannt werden muss, abgefüllt werden. Dafür war man bei den vorgeschriebenen Rebsorten etwas grosszügiger: bis 10% dürfen andere im Piemont heimischen, nicht aromatischen Rebsorten zugemischt werden. Ganz beiläufig wird etwas weiter unten im Disziplinar auch die Verwendung älterer Weine und umgekehrt zugestanden. (Schleierhaft wie das bei bereits abgefüllten Flaschen technisch gehen soll ?), allerdings nur bis zu 15%. 

Alta Langa erhielt 2002 die DOC und in 2011 (u.a. für den damals aktuellen Jahrgang 2008) den Status DOCG. 

Im Mai 2023 vereinigte das Consorzium 55 Hersteller mit insgesamt 115 Etiketten. Das definierte Alta Langa-Produktionsgebiet umfasst 377 ha, auf dem vom Jahrgang 2022 gut 3 Millionen Flaschen erzeugt wurden, 67% mehr als in 2021. 90% der Flaschen gehen auf den inländischen Markt, 10% ins Ausland. Die Pläne des Consorziums sehen in den nächsten Jahren eine Ausweitung der Fläche um weitere 220 ha vor, das entspräche dann rechnerisch einer Produktion von insgesamt 4,75 Millionen Flaschen.

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Weissweine im Piemont: Timorasso

Weissweine im Piemont: Timorasso
Weinliebhaber kennen und schätzen das Piemont hauptsächlich für die Rotweine aus Barolo und Barbaresco. Es gibt zwar diverse Weissweine, die ein klassisches Piemonteser Menü bis zum Fleischgang begleiten können. Arneis, Favorita und Cortese (Gavi) sind zwar meistens trocken, bringen jedoch von Haus aus wenig Säure und Rasse mit. Auch der vor einigen Jahren wiederbelebte Nas-Cetta bringt nicht die gewünschte Rasse ins Glas, häufig tendiert er zu fülliger Süsse und hohen Alkoholwerten. Neben diesen authochtonen Reben wurden auch internationale Weissweinsorten angebaut: Chardonnay, Pinot blanc, Pinot grigio, Riesling, Sauvignon blanc. Daraus gibt es spannende Ergebnisse, allerdings zu höheren Preisen als die einheimischen Sorten: Z.B. die Chardonnay Gaja & ReyLidia von La Spinetta, oder Bussiador von Aldo Conterno. Einzig der Sauvignon blanc von Parusso, der als Langhe bianco etikettiert ist, liegt preislich mit den einheimischen Weissen vergleichbar.

Mitte März präsentierte das Consorzium Vini Colli Tortonesi unter dem Titel Derthona 2.0 die neuesten Weine aus der autochthonen Rebsorte Timorasso, die in den Hügeln und sechs Tälern südöstlich der Stadt Tortona wächst. Derthona ist der alte römische Name für Tortona. Das Gebiet misst etwa 50 km in nord-süd Richtung und knapp 25 km in west-östlicher und wird begrenzt von Ligurien, der Emilia Romagna und der Lombardei. Die Böden bestehen hauptsächlich aus Marne Sant˙Agatha Fossili wie die Hügel der Langhe: Sedimentgestein aus dem Oligozän und Miozän, das aus den Kollisionen der europäischen und afrikanischen Platten stammt, die beim Zurückweichen ein Substrat aus Ton, Kalkmergel, blauem Tonmergel und Schwefelgips abgelagert haben.Timorasso ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt und wurde noch im 19. Jahrhundert im Gebiet von Novara bis Tortona sowie bis nach Voghera auf 51 Hektar angebaut, aber in der Folge zugunsten fruchtbarerer Sorten aufgegeben. 1980 wurden gerade noch 2 ha registriert. 1987 wurde Timorasso vom Winzer Walter Massa aus Monleale wiederbelebt. Seine Begeisterung für die Sorte steckte etliche Winzer an und lockte erfolgreiche Produzenten aus den Langhe an, die nach einem neuen, spannenderen Weisswein suchten.

53 der im Consorzium vereinigten 70 Timorasso-Produzenten stellten im März 2023 ihre neuen Weine vor. Weil das neue Disziplinar für die zukünftigen Namensregelungen noch in Rom der Genehmigung harrt, sind die Bezeichnungen der Weine vorläufig. Geplant sind unter der gemeinsamen DOC Colli Tortonesi drei Abstufungen der Sorte Timorasso: Piccolo Derthona, Derthona und Derthona Riserva. Die Erntemenge liegt bei maximal 75 quintali, bzw. Zentner pro Hektar bei einer Stockdichte von 4000 Pflanzen. Timorasso ist spätreifend, wuchsstark und von mässiger Ertragskraft. Charakteristisch für den Wein sind eine kräftige Säure und ein hoher Alkoholgehalt, der leicht bei 15.5 Volumenprozent liegen kann – auch schon mal bei gefühlten 16 oder mehr. In letzteren Fällen wird m.E. das Weinprofil überdeckt von einer Süsse, für die der hohe Alkoholgehalt verantwortlich ist, dafür hat Timorasso eine gute Altersfähigkeit.

In den 46 Gemeinden, welche die Colli Tortonesi ausmachen, stehen aktuell 1257 Hektar unter Wein, darunter 223 ha Timorasso oder rund 1 Mio Flaschen. Angestrebt werden 1250 ha und rund 3 Mio. Flaschen. Auch Barbera, Croatina, Cortese und Dolcetto werden in den Hügeln angebaut, nebst Kirschen und gelben Pfirsichen, deren eingemachte Früchte unter dem Namen Pesche di Volpedo eine Delikatesse sind. Auch für Trüffel hat die Gegend einen guten Ruf: Der jährliche Trüffelmarkt in San Sebastiano Curone ist so berühmt wie die Edelsalami Nobile, für die nur die feinsten Stücke der Schweine verwendet werden.

Das Engagement namhafter Barolo und Barbaresco-Produzenten für den Timorasso ist in mehrerlei Hinsicht positiv: Zum einen erfährt das bislang unbekannteste Weingebiet des Piemonts internationale Beachtung, zum andern wird der Timorasso als Teil des Angebots renommierter Produzenten aufgewertet. Im Laufe der letzten Jahre haben Borgogno, La Spinetta, Vietti, Vite Colte, Roagna, Voerzio Martini, und weitere, die noch nicht mit ihrem ersten Wein auf dem Markt sind, Anbauflächen oder bestehenden Rebberge erworben. Die Begeisterung für die Rebsorte geht sogar noch weiter: Unterhalb von Serravalle Langhe hat Ferdinando Principiano einen Weinberg auf 750 m. ü. M. angelegt, auf dem ausschliesslich Timorasso gedeiht. Weil die Traubensorte im Disziplinar der Langa nicht vorgesehen ist, nennt er ihn Langhe Bianco.

Leser aus Deutschland finden auf der Webseite Timorasso.de, betrieben von Dr. Conrad Mattern, derzeit 178 Timorassos zahlreicher Produzenten verschiedenster Jahrgänge. Mattern ist vor einigen Jahren dem Timorasso verfallen und dürfte inzwischen einer der besten Kenner und Botschafter sein. In diesem Jahr wurde Enrico Crippa, Chef des Drei-Sterne-Restaurants Duomo in Alba als Ambassadore des Timorasso ausgezeichnet.

Meine Bewertungen der Produzenten sind eingeflossen in meine jährlich aktualisierte Zusammmenstellung der Besten Produzenten, Piemont.

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Konsequent, zäh, innovativ

Kalabrien, das Land an Italiens Stiefelspitze, zwischen Ionischem und Tyrrhenischen Meer, hiess bei den benachbarten Griechen „Enotria”, Land des Weines. Zwischen 250 und 300 eigenständige Traubensorten wuchsen dort. In der Folge liessen die Weine Kalabriens die Herzen der Weinfreunde nicht unbedingt höher schlagen: Alkoholreich, häufig brandig und oxidativ.
Das änderte sich, als die beiden Brüder Antonio und Nicodemo Librandi in Cirò Marina in den fünfziger Jahren den Weinbau des Familienweingutes in die Hand nahmen. Sie selektierten die besten Klone der autochthonen Sorten Gaglioppo und Greco Bianco und reduzierten in den siebziger Jahren drastisch den Hektarertrag der im Albarello-Verfahren gepflegten Reben. Das führte zu höherer Qualität, mehr Ausdruck und Charakter. In den achtziger Jahren erweiterten sie zwar unter dem Druck der Märkte die angebauten einheimischen Sorten auch um internationale Gewächse wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Chardonnay und Sauvignon blanc, haben aber gleichzeitig ein Faible für die alten und uralten einheimischen Sorten wie zum Beispiel Mantonico oder Magliocco, die neben 180 einheimischen Sorten in einem grossen Versuchsweingarten gepflegt werden.
Heute produziert Librandi in der vierten Generation auf 232 Hektaren jährlich über 2,5 Mio Flaschen Wein und 25.000 Flaschen Olivenöl. Diese werden in sechs unterschiedlich grossen Betrieben erzeugt und zu 55% im Inland abgesetzt. Bei den ausländischen Märkten domieren Deutschland, die Schweiz, Österreich, Frankreich, Luxemburg und Holland, gefolgt von weiteren 30 Märkten in der ganzen Welt.
Trotz dieser Menge ist Librandis Qualitätsanspruchi sehr hoch und wird auch von der Tochter und den drei Söhnen konsequent und zäh umgesetzt: Zahlreiche Höchstnoten, mehrfache 3 Gläser beim Gambero Rosso und Topnoten bei Galloni und Parker belegen, dass auch in Kalabrien Weine höchster Qualität entstehen können. Der Paradewein des Hauses, „Gravello” eine Cuvée aus dem autochthonen Gaglioppo (60%) und Cabernet Sauvignon feierte kürzlich seinen dreissigsten Geburtstag und unterstrich diesen hohen Anspruch in einer eindrucksvollen Vertikaldegustation.

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Präzise Expansion

Auch wenn die Poderi Luigi Einaudi der grösste Produzent in Privatbesitz sind, die „Dogliani”, den Dolcetto aus Dogliani herstellen, würde man ihnen Unrecht tun, wenn man sie auf auf diesen, vor allem von den Einheimischen geschätzten Alltagswein reduzierte. Das Weingut war vor zwei Jahren in den Schlagzeilen, als es 1.5 Hektar Monvigliero kaufte, einer der besten Weinberge der Barolo-Zone. Man sprach von einem Kaufpreis von 3 Millionen Euro. Damit gehören den Poderi Luigi Einaudi zurzeit über 13 Hektaren feinster Barolo-Lagen, neben 150 Hektaren Land, davon 54 unter Dolcetto-Reben. 

Luigi Einaudi*, geboren 1874, gründete das Weingut kurz nach seinem Studium, 23-jährig, allerdings nicht auf dem Hügel südlich über Dogliani, wo es sich heute befindet, sondern in San Giacomo, nördlich von Dogliani. Ihm folgte sein Sohn Roberto, der zugleich in den USA im Edelstahlgeschäft Karriere und Furore machte. In den 1980er Jahren übernahm seine Tochter Paola das Weingut und brachte es mit gezielten Investitionen in Reben und Keller auf ein höheres Qualitätsniveau. Seit ihrem Tod 2010 werden die Poderi Einaudi von Paolas Sohn, Matteo Sardagna Einaudi, in der vierten Generation geleitet. Er hat eine Steiner-Schule besucht und Architektur studiert bevor er sich ab 1998 in das Weingut einarbeitete. Das Angebot umfasst 4 Barolos, Langhe Nebbiolo, Langhe Barbera, Moscato, Tocai Pinot Gris, zwei Mischsätze, zwei Dolcetto sowie einen Barolo Chinato und zwei Grappe. Insgesamt 350.000 Flaschen. Im eben fertiggestellten neuen Keller fallen 40 Betoneier mit imposanten Dimensionen ins Auge, deren Eigenschaften und Vorteile bei der Gärung und Lagerung genutzt werden. Unverändert werden auch Edelstahltanks, grosse Fuder und Barriques für den Ausbau der Weine eingesetzt.

*Luigi Einaudi war er Professor für Finanzwissenschaften in Turin, Lehrbeauftragter am Polytechnikum in Turin sowie der Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand. Bis 1926 war er Redakteur bei La Stampa und dem Corriere della Sera sowie Korrespondent der britischen Wochenzeitschrift The Economist. 1935 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. Seit 1947 war er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society. Bereits 1918 hatte Einaudi unter dem Pseudonym Junius für ein föderales Europa plädiert. Als Gegner des Faschismus floh er im September 1943 über das Aostatal ins Wallis in die Schweiz. Er kehrte 1945 nach Italien zurück. Von 1946 bis 1948 war er Abgeordneter der verfassunggebenden Versammlung. Er war stellvertretender Ministerpräsident und Haushaltsminister im Kabinett De Gasperi IV. Am 11. Mai 1948 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit endete am 11. Mai 1955; von diesem Tag bis zu seinem Tod war er Senator auf Lebenszeit. Der Verleger Giulio Einaudi ist ein Sohn, der Komponist und Pianist Ludovico Einaudi ist ein Enkel wie Matteo Sardagna.

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Die Kraft der Tradition

Auch in Italien sind es nur wenige Familien, deren Stammbaum lückenlos bis ins Mittelalter dokumentiert ist. Die Principe Corsini aus Florenz gehören dazu. Bereits 1363 kaufte die Familie 18 Kilometer ausserhalb von Florenz die Tenuta Le Corti und produzierte als heute ältestes Gut in der Toskana Wein und Olivenöl. Zahlreiche Mitglieder der Corsinis dienten dem Staat in verantwortlichen Positionen, waren Bischöfe, einmal Papst und erfolgreich im Handel mit Wein, Olivenöl, Seide, Getreide und Fisch.

Duccio Corsini (56) bwohnt mit seiner Familie die Villa Le Corti mit einem Grundbesitz von 250 Hektaren, davon 49 für die Weinproduktion und 65 für Olivenöl. Die Villa, an der Strasse Florenz-Siena, Ausfahrt San Casciano, inkl. einer Führung durch das Weingut kann nach Voranmeldung besichtigt werden. Sie entstand 1604 aus der Tenuta.  Imposant das Corsini-Archiv mit Dokumenten aus den ersten Jahren der Familie in Florenz. Eine Osteria auf dem Gelände bietet abends und am Wochenende auch mittags typische Gerichte der Gegend. Es gibt zwei komfortable Ferienappartements mit Pool, ebenso Kochkurse und einen Shop mit den Weinen und Olivenöl aus der eigenen Produktion.

Neben der Villa Le Corti gibt es in mitten Florenz den Palazzo Corsini mit einem riesigen, in französischer Art gestalteten Garten. Hier wohnt der Principe Fürst von Sismano und Herzog von Casigliano FilippoIX (84), der Vater von Duccio. Das zweite Weingut liegt in der Maremma, wo die Corsinis, lange vor dem Maremma-Trend, 1759 die Tenuta Marsiliana im Hinterland von Manciano erworben hatten. Hier entstehen die Weine „Marsiliana” (€ 27.50), „Birillo”(€ 13.00) und „Vermentino” (€9.95). Beide Rotweine basieren auf Cabernet Sauvignon-, Petit Verdot und Merlot-Trauben, die in der Maremma deutlich bessere Ergebnisse bringen als der Sangiovese. Das Castello Marsiliana wird geführt von Elena Sabina, Duccios Schwester. Unter den Weinen der Villa Le Corti wird schon der Basiswein, der Chianti Classico „Le Corti”(€ 15.50) von der internationalen Weinkritik stets sehr gut bewertet. Die Riserva des Chianti Classico ist der „Cortevecchia” (€ 21.50) und viele Jahre an der Spitze der Pyramide der „Don Tommaso” (€ 30.00). Bis vor fünf Jahren der „Zac” (€ 50.00) auf den Markt kam, ein reinsortiger San Giovese von ausgesuchtem, erstklassigen Terroir, der von seiner Herkunft her ein Chianti Classico sein könnte, aber es nicht sein will, weil er, inzwischen zwar auch eine „Gran Selezione” wie der „Don Tommaso”, höhere Ambitionen hat, die er ohne Zweifel auch erfüllt. Die Weine „Fico”(€115) und „Per Filo” (€50) entstanden 2015 und 2017 nach den Ideen des tödlich verunglückten Sohnes Filippo. Beide reinsortige San Giovese, biodynamisch in sehr kleinen Mengen erzeugt. Ein Rosé-Spumante, ein Rosé aus Sangiovese und ein Vin Santo runden das Angebot ab. Der Beginn für den qualitativen Aufstieg der Corsini-Weinproduktion entstand 1992 im Zusammentreffen von Duccio Corsini mit Carlo Ferrini, einem beratenden Weinmacher und Sangiovese-Spezialisten. Zusammen stellten sie Weinberge und die Arbeiten im Keller um und folgten modernen, zukunftsversprechenden Vorstellungen. *Preise Weinshop Villa Corti

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Sizilien als Aufgabe

Die Geschwister José und Antonio Rallo arbeiten in der fünften Generation im Weinbau auf Sizilien. 1983 gründeten ihre Eltern Giacomo und Gabriella im Westen Siziliens das Weingut Donnafugata. In den folgenden Jahren erweiterten die Rallos ihre Rebflächen in Sizilien auf 410 Hektar, verteilt auf vier Produktionsstätten: Contessa Entelina im Westen Siziliens. Hier werden auf 283 Hektar autochthone und internationale Rebsorten angebaut. Am Ätna, auf der gegenüberliegenden Seite der Insel, bewirtschaftet Donnafugata an der Nordflanke des Vulkans in fünf unterschiedlichen Lagen 18 Hektar Rebflächen. In Vittoria im Südosten Siziliens wächst auf 36 Hektaren unter anderem Floramundi. Auf der Vulkaninsel Pantelleria, 140 Kilometer von Marsala entfernt, näher bei Afrika als bei Sizilien, hegen und pflegen die Rallos 68 Hektar in 14 verschiedenen Lagen. Das Hauptquartier befindet sich in der historischen, 1851 erbauten Familien-Kellerei in Marsala, insgesamt beschäftigt Donnafugata an den fünf Standorten insgesamt 100 Mitarbeiter.

Antonio Rallo, Agronom und Weinmacher von Donnafugata, engagiert sich intensiv mit dem Weinbau auf Sizilien und präsidiert derzeit die 8300 Mitglieder des Consortiums für die sizilianischen DOC Weine. Donnafugata führt er zusammen mit seiner Schwester José, die sich um Organisation und Marketing kümmert und Mitglied ist im Board von Assovini, in dem 90 der grössten Weinbetriebe Siziliens vertreten sind. Darüberhinaus ist sie eine begnadete Sängerin.

Ein kurzer Blick zurück: Sizilien, Im Zentrum des Mittelmeers gelegen, hat eine äußerst bewegte Vergangenheit. Geprägt von Phöniziern, Griechen und Karthagern, von Römern, Vandalen, Ostgoten, Arabern, Normannen, Spaniern, Bourbonen, von Savoyen und Österreich und für 52 Jahre vom deutsch-römischen Kaiser Friedrich II., Barbarossa. Auch nachdem Giuseppe Garibaldi die umkämpfte Insel 1861 zu einem Teil Italiens gemacht hatte, wurde es nicht ruhiger. Man wehrte sich mit Aufständen gegen die Gängelei aus Turin und Rom, später jagte Mussolini die Mafia, 1943 landeten die Alliierten, nach dem Krieg wurden die Großgrundbesitzer durch eine umfassende Landreform enteignet. Eigenständig sind auch die Weine der Sonneninsel. Im Lauf der Jahrhunderte unter dem Einfluss verschiedener Nationalitäten entwickelte sich eine fantastische Vielfalt und machte die Insel zu einem einzigartigen Rebsorten-Reservat, das in den letzten Jahren – nach vorübergehender Bevorzugung internationaler Rebsorten – wiederentdeckt wurde. Ein erstes Mal berühmt für seinen Wein wurde Sizilien durch den Marsala, vielen leider nur noch bekannt als aromatisierender, süßer Kochwein. Vom Glanz jener Jahre zeugen in Trapani nur noch eine Handvoll der einst 200 Marsala-Betriebe, die von Engländern begründet wurden und mit den Weinen hauptsächlich ihre Landsleute in Britannien belieferten. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der größte noch produzierende Marsala-Hersteller, Florio, die mehr als einen Kilometer langen Produktionshallen direkt am Wasser von einer eingegangenen Thunfischkonservenfabrik übernommen hat. Auch jenes Gewerbe blühte während vieler Jahre und brachte Geld und Glück in die Region von Trapani. Das zweite Mal kamen Siziliens Weine ins Gespräch, als die kraftvollen modernen Rotweine ein ums andere Mal mit den begehrten 3-Gläser-Auszeichnungen des einflussreichen italienischen Weinführers „Gambero Rosso“ ausgezeichnet wurden. Sie räumten mit den Vorurteilen langer Jahre, wonach die sizilianischen Weine wegen der vielen Sonne breit, schwer und alkoholsüß seien, gründlich auf und beweisen jedes Jahr aufs Neue, dass aus einheimischen Traubensorten wie Nero d‘Avola, Frappato, Nerello Mascalese, oder Nerello Cappuccio und weißen Rebsorten wie Grillo, Inzoglio, Ansonica, Carricante, Catarratto oder Zibibbo elegante, fein strukturierte und eigenständige Weine entstehen können. Obwohl der Anteil an Rotweinen in den vergangenen Jahren zunimmt, produziert Sizilien immer noch mehr Weiß- als Rotwein. Neben Grillo, den Weinen aus Vittoria (Provinz Ragusa) gelten bei vielen Weintrinken und -Journalisten auch die Weine vom Ätna als Stars. Rund um den Vulkan, mit 3345 Metern deutlich höher als die Zugspitze, haben sich in den vergangenen Jahren auch Winzer vom italienischen Festland angesiedelt, reanimierten alte Rebberge oder pflanzten neu an. Sie produzieren dort bis in 1200 Metern Höhe Weißweine von erstaunlicher Komplexität und Tiefe aus der Rebsorte Carricante und finessenreiche Rotweine aus Nerello-Mascalese. Rot und Weiß profitieren von den kühlen Nachttemperaturen, dem schwarzen mineralischen Lavagestein und teilweise noch alten wurzelechten Rebstöcken, die der Reblausplage entgangen sind.

Donnafugata ist mittlerweile Siziliens grösster Weinproduzent in privater Hand. Der vor fünf Jahren verstorbene Vater Giacomo prägte massgeblich die Entwicklung des qualitativen Weinbaus auf Sizilien. Seine Frau Gabriella inspirierte die vom Künstler Stefano Vitale handgemalten Labels der Donnafugata-Weine und war Gründungsmitglied der „Associazione Nazionale Donne del Vino”.

Donnafugata produziert mittlerweile 25 verschiedene Weine, Grappas und Olivenöle an den vier Standorten auf Sizilien und der Insel Pantelleria. Alle Weine sind sorgfältig abgestimmt auf die jeweiligen Lagen, Mikrozonen und die Möglichkeiten des Terroirs, grosser Wert wird auf nachhaltige Produktion gelegt. Antonio Rallo: „Wir konzentrieren uns auf die Wechselwirkung zwischen Boden, Mikroklima und Rebsorte und dann auf den Ausdruck des organoleptischen Potenzials, das wir im Keller haben”. Die bekanntesten Weine von Donnafugata sind die Rotweine MilleunaNotte und Tancredi, die auf Contessa Entelina entstehen und Ben Ryé, der bernsteinfarbige Passito von Pantelleria. In den letzten Wochen startete Donnafugata die Contrada Marchesa, eine zwei Hektar großer Weinberg in Castiglione di Sicilia am Ätna. Eine limitierte Auflage von 6.000 Flaschen für einen Rotwein von extremer Finesse, im Gleichgewicht zwischen Körper und Frische. Der Weinberg befindet sich in einem natürlichen Amphitheater aus tausendjährigen Lavaströmen auf sandigen Böden vulkanischen Ursprungs. Antonio Rallo erklärt: „Der Weinberg Contrada Marchesa liegt 750 Meter über dem Meer und ist besonders sonnig und luftig. Der Weinberg ist teils in Cordonanbau, teils aus über 80 Jahre alten Buschpflanzen. Letztere produzieren sehr wenig, weniger als 1 kg pro Pflanze, liefern aber aussergewöhnliche Trauben.“ Seit 1983 hat Donnafugata systematisch und konsequent die Insel erobert, um im Sinne eines interessanten, breiten Angebots von den unterschiedlichen Terroirs und Traubensorten zu profitieren. Sizilien als Aufgabe.

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Prachtsstück

der Bremer Weinhändler Heiner Lobenberg fiel in den vergangenen 30 Jahren immer mal wieder auf: Jährlich präsentierte er den umfangreichsten Weinkatalog, versammelte fast ausnahmslos alle wichtigen Produzenten in seinem Angebot über die er Texte schrieb, die sich vom üblichen Preislisten-Geschwafel auf angenehme Weise abhoben. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass es auch sehr lesenswerte Preislisten z.B. aus Nürnberg oder aus München gab/gibt.
 
Dass Lobenberg, zwei Jahre nachdem er die Geschäfte formal an seinen Sohn Luca übergeben hatte, der vor allem die Digitalisierung vorantreiben sollte, nun einen gedruckten Katalog vorlegt, der alles sprengt, was bisher an Weinkatalogen erschienen ist, mag erstaunen: 1448 Seiten, 4.200 Gramm über Regionen, Produzenten und ihre Weine. Das Schwergewicht versammelt wie ein Who is Who rund 800 Winzer, die er alle mindestens einmal besucht und vor Ort gesprochen hat. Das ist beeindruckend und gleichzeitig gemütliche Lektüre für Stammkunden (nicht nur für lange Kaminabende). Diesen wurde das gute Stück zugeschickt, immerhin pro Kunde ein Aufwand von gut 20 Euro für Druck und Versand. Interessenten sollten anfragen bei gute-weine.de. Vielleicht ist noch über ein Exemplar zu reden.
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Grossproduzent mit Highlights

Das Weinhaus Ruffino wurde 1877 in Pontassieve, im Gebiet des heutigen Chianti Rufina, von den Cousins Leopoldo und Illario Ruffino gegründet. Sie waren erfolgreich und verkauften ihre Weine an eine illustre Kundschaft, darunter der Herzog von Aosta und Guiseppe Verdi. Sie lieferten angeblich auch den ersten Chianti in der berühmt-berüchtigten bastumwobenen Fiasko-Flasche nach Amerika. 1947 brachten sie erstmals den Riserva Ducale d’Oro auf den Markt, der heute nur in exzellenten Jahren als Gran Selezione gemacht wird. Drei Jahre später folgte ein Rosatello in auffälligen tropfenförmigen Flaschen, der offensichtlich ideal dem damaligen Zeitgeist und Lifestyle entsprach. 1974 verabschiedete man sich von der Bastflasche und verkaufte fortan alle Chiantis in einer neuen Florentiner-Flasche. 2010 kam mit Modus IGT der erste Supertuscan auf den Markt, bestehend aus Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon. Gerade vorgestellt wurde der 2018er, von dem es 14.000 Flaschen geben wird. Ein Jahr später Alauda IGT, der mit einer Komposition aus Cabernet Franc, Merlot und Colorino und einer doppelt so langen Barrique-Ausbauzeit etwas schwergewichtiger und zum dreifachen Preis daherkommt.

Mangels Nachkommen der Ruffinos übernahm die Familie Folonari aus Brescia 1913 das aus mehreren Weingütern mit über 700 ha bestehende Unternehmen. Die eine Zweig der Familie verkaufte 2011 an den amerikanischen Getränkeriesen Constellation Brands 40%. 2012 erwarb dieser die restlichen 60% mit den sechs Weingütern und Marken Poggio Casciano, Montemasso, Santedame, Gretole, Greppone Mazzi and La Solatia und seit 2017 auch zwei Weingüter im Prosecco-Gebiet. Der andere Familienzweig mit Ambrogio und Sohn Giovanni an der Spitze sicherte sich die Weingüter Tenuta del Cabreo (Greve), Campo al Mare (Bolgheri), Tenuta La Fuga (Montalcino), Tenuta di Nozzole (Greve), Torcalvano (Montepulciano) und Vigne a Porrona in Cinigiano (Maremma) mit denen sie heute noch erfolgreich aktiv sind: Die ursprünglich 230 ha sind inzwischen angewachsen auf 350. Neffe Guido Folonari baute 2001 sein eigenes Weinunternehmen auf, das auf die drei B’s setzte: Bolgheri (Donna Olimpia), Brunello (Tenuta San Guido) und Barolo (Tenuta Illuminata). Die Tenuta San Guido wurde allerdings 2016 an ColleMassari verkauft.

Ruffino produziert derzeit 40 Weinmarken auf acht Weingütern mit 612 Hektaren und einigen zugekauften Trauben insgesamt 26 Millionen Flaschen Wein, etwas Grappa, Vermouth und Olivenöl. Das führt zu einem Umsatz von 106 Mio. Euro, der von 290 Mitarbeitern erwirtschaftet wird. Der durchschnittliche Erlös von knapp vier Euro pro verkaufter Flasche deutet darauf hin, dass der grössere Teil der 40 Weinmarken auf das einfachere Käufersegment abzielt. Auf Rückfrage bestätigt Ruffino, dass die unter „Icons” zusammengefassten sechs Gutsabfüllungen und Marken (Riserva Ducale, Riserva Ducale Oro, Romitorio di Santedame, Modus, Alauda, Greppone Mazzi) insgesamt nur 9% des Gesamtumsatzes ausmachen, der zu 58% von den Prosecco-Marken im Veneto dominiert wird. An den 26 Mio. Flaschen dürften die sechs Icons nur im knapp einstelligen Prozentbereich beteiligt sein. Die gesamte Weinproduktion wird geleitet und geführt von Gabriele Tacconi, der dem Unternehmen schon zu Folonaris Zeiten gedient hat und mittlerweile 26 Jahre angehört. Täglich ist er auf Tour in sämtlichen Weingütern und verfolgt die Entwicklung der Weine.

Nach amerikanischem Vorbild pflegt Ruffino eine betonte Kunden- und Gastfreundschaft: Freundlicher Empfang, begleitende Weinambassadoren, eigene Restaurants und stilvolles Gästehaus auf der Tenuta Montemasso nahe bei Florenz. Auf 174 Seiten des aktuellen Sustainability-Reports wird ausführlich über die zahlreichen Aktivitäten und Vorkehrungen im Sinne der Nachhaltigkeit, Personalförderung, Energieverbrauch etc. berichtet. Ruffino gibt sich mustergültig.

Liegt Ruffino mit einem Umsatz von 106 Mio. Euro bei den italienischen Weinunternehmen auf einem deutlichen zweistelligen Rangplatz, liegt Constellation Brands mit einem Weinumsatz von 2.3 Milliarden auf Platz zwei der umsatzstärksten Weinunternehmen der Welt. Unangefochten an der Spitze die Ernest&Julio Gallo Winery mit 4.5 Milliarden. Durch den Aufkauf des schwächelnden Imperiums von Robert Mondavi kamen sie 2004 auch zu Woodbridge, Robert Monavi und einem 50% Anteil an Opus One. 2017 aquirierten sie Schrader Cellars mit dem berühmten To Kalon-Cabernet. Zahlreiche Kellereien, Whiskymarken und andere Getränke gehören mittlerweile zum Portfolio. Die neueste Meldung berichtet von einer Markenzulassungsvereinbarung mit Coca Cola für die Produktion von Fresca Mixed, einer Linie mit trinkfertigen Cocktails auf Spirituosenbasis ”mit vollem Geschmack„. Constellation soll die Getränke herstellen, vermarkten und vertreiben. Bleibt abzuwarten, ob die italienische Tochter hier auch tätig werden muss.

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